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Der geliehene Blick

Was genau ist eigentlich ein Photograph? Ein Seismograph zeichnet seismische Wellen auf, mit einem Phonograph (einem Vorläufer des Grammophons) konnte man Schallwellen aufzeichnen. Ein Photograph sollte also eigentlich ein Gerät sein, mit dem man Licht aufzeichnen kann. Tatsächlich meint man hier aber die Person, die das Gerät bedient und nicht das Gerät selbst. Das Gerät heißt einfach „Fotoapparat“, er ist also lediglich das Werkzeug.

Vielleicht wäre es anders, wenn ein Fotoapparat nur die Lichtmenge an einem bestimmten Ort messen könnte. Aber eigentlich will man nicht Licht aufzeichnen, sondern das, was man sieht. Und das, was wir sehen, ist kein Licht.

Wir haben zwar im Alltag die Vorstellung, „Sehen“ bedeute, Lichtwellen in Form von kleinen Bildchen auf unserer Netzhaut zu empfangen. Aber diese Vorstellung ist zu einfach, denn sieht man sich diese Bildchen auf unserer Netzhaut mal näher an, stellt man fest: Sie sind gekrümmt, zweidimensional, dafür existieren sie zweimal, während wir nur ein Bild sehen. Genau genommen sehen wir viel mehr als ein Bild: wenn wir einen Menschen sehen, sehen wir alles, was wir über diesen Menschen denken, wir sehen, wie wir auf ihn reagieren, welche Reaktionen er bei uns hervorruft und was wir hoffen oder befürchten. Das Sehen ist ein aktiver Vorgang, in dem das physikalische Festhalten eines Momentes nur wenig bedeutet.

Macht man nun ein Foto und vergleicht es mit dem, was man gesehen hat, vermisst man deshalb viel. Genau dieser Unterschied zwischen dem aufgezeichneten und dem gesehenen Bild ist der Grund dafür, dass Leute häufig von ihren Fotos enttäuscht sind. Die Aussicht war vielleicht gigantisch, aber auf dem Foto wirkt sie unscheinbar. Das Kind sah vielleicht süß aus, aber auf dem Foto wirkt es eher etwas verloren im Raum. Und dabei hat die Kamera vielleicht sogar ein Vermögen gekostet. Der Grund ist, dass ein Gerät zwar ein Bild festhalten, aber nicht sehen kann. Unser Sehen ist ein hoch komplizierter Vorgang, in dem wir auf unsere Umwelt reagieren, zu dem alle Eindrücke und Gedanken gehören und letztlich unser ganzes Leben. Ein Foto ist nur ein schlichter Blick.

Ein gutes Foto entsteht deswegen auch nicht durch einen physikalischen Vorgang – dann könnte man wirklich den Apparat als „Photographen“ bezeichnen -, sondern durch eine menschliche Übersetzungsarbeit. Was wir sehen, muss auf Blicke reduziert und in die technische Sprache der Kamera übersetzt werden. Vielleicht kann man sich das anhand des folgenden Beispiels gut vorstellen:

Wenn Sie auf einem Gipfel die Aussicht genießen, sehen Sie nicht nur Berge, sondern wissen vielleicht gerade Ihre Familie um sich, Sie freuen sich auf das Abendessen, riechen die saubere Luft, hören und spüren den Wind und erinnern sich an die Ausflüge, die Sie selbst mit Ihren Eltern in den Bergen gemacht haben... all dass sehen Sie in dem Moment, in dem Sie die Aussicht genießen. Wenn Sie nun einfach eine Kamera vor die Augen halten, in der Absicht, diese Situation festzuhalten, können Sie nur enttäuscht werden. Um Ihr Empfinden nun im Fotos wieder zu finden, müssen Sie es in Blicke übersetzen. Wenn es der Wind ist, der die Situation so zauberhaft macht, dann zeigen Sie ihn im Bild. Vielleicht sind Ihre Kinder viel wichtiger für den Eindruck als die Berge und Sie fotografieren besser ihren Gesichtsausdruck, wenn sie auf dem Gipfel ankommen. Vielleicht überwiegt aber eigentlich die Vorfreude auf das Abendessen, dann sollten Sie auch hier Ihr Hauptmotiv für das Foto suchen. Aber Sie werden staunen, wie unappetitlich Essen aussieht, wenn man Geruch, Ambiente und Hunger weglässt. Also fotografieren Sie hier besser Gesichter, in denen sich Hunger und der Geruch guten Essens wiederspiegelt.

Diese einzelnen Blicke werden Ihnen später helfen, sich die Situation zu vergegenwärtigen. Sie halten zwar nicht die Erinnerung fest, aber sie können Ihnen helfen, sich zu erinnern.

Die Fotografie scheint also Reduktionen der Wirklichkeit zu produzieren. Wieso haben wir dann aber so viel Freude an guten Fotos?

Der Grund liegt genau in dieser Reduktion: Wenn wir jemandem den Weg zeigen, reduzieren wir ja auch die Richtung mit dem Zeigefinger auf einen – möglichst kleinen – Ausschnitt der Wirklichkeit. Auf diese Weise reduzieren wir zwar seine Optionen, aber er kommt weiter.

Mit Fotos ist es ähnlich: Wir reduzieren die Optionen, auf eine Person zu reagieren oder eine Szene in immer neuen Momenten zu sehen. Aber die Person, die das Bild sieht und auf diesen einen Blick festgelegt ist, kommt weiter. Eine Mutter hat dann vielleicht die Muße, ihr Kind zu genießen, das sie tagsüber vor allem anstrengend findet, und was auch immer sie denkt, sie hat unendlich viel Zeit dazu.

Das Brautpaar kann sich an der eigenen Hochzeit freuen, ohne dass jemand etwas von Ihm erwartet. Über eine Situation können wir uns viel mehr Gedanken machen, wenn wir sie nicht selbst erleben, sondern nur einen Blick auf sie werfen. Durch die Bilder sind uns Personen und Orte intim, gerade weil sie entrückt sind.

Nach meiner Einschätzung macht die Erkenntnis, mit einem Fotoapparat nur Blicke festhalten zu können aber keine Dinge, Situationen oder Erinnerungen, einen Fotografen aus. Dann nämlich beginnt man, nach Blicken zu suchen und lernt, sie zu finden und zu übersetzen.

Aber die Voraussetzung für diesen Effekt sind Fotos, die interessante Blicke festhalten. Der Blick im Foto ist zwar nicht unser Blick, aber wir übernehmen ihn für die Dauer, in der wir das Foto betrachten. Es ist ein geliehener Blick, und es muss sich lohnen, ihn zu leihen.

Aber was ist ein „interessanter“ Blick?

Möchte jemand, der ein Foto von sich anfertigen lässt, nicht vor allem gut aussehen? Interessanterweise ist das Medium Foto eigentlich gar nicht ideal zum Schmeicheln – hier leistet die Malerei viel mehr. Aber was erwarten wir dann? Das Bild soll nicht schmeicheln und es soll uns nicht bloßstellen... An den Begriffen erkennt man schon, dass ein Bild Eigenschaften eines Menschen hat: es kann bloßstellen, es kann schmeicheln etc... Vielleicht erwarten wir von einem guten Bild das, was wir auch von einem guten Menschen erwarten: Er soll uns liebevoll betrachten. Denn sein Blick ist es ja, den wir uns später leihen.

Die Technik und das technische Wissen dienen nur dazu, diesen Blick festzuhalten. Wenn man einen Fotografen gefunden hat, von dem man sich wirklich gerne fotografieren lässt, weil man sich in seinen Fotos gerne sieht, hat man Glück gehabt, und solche Fotos sind etwas sehr Kostbares.