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Foto-Kritik

Dem Einfluss von Bildern kann man sich schwer entziehen. Sie prägen unsere Haltung gegenüber Prominenten, sie schaffen in uns Vorstellungen von Ländern, in die wir nie gereist sind. Bilder prägen unsere Haltung zur Natur. Sie argumentieren, klagen an, verteidigen, schockieren oder beruhigen - und niemand wagt es, ihnen zu widersprechen. Denn einem Bild kann man nur mit einem anderen Bild widersprechen. Der Betracher eines Bildes ist machtlos. Einem Bild zu widersprechen scheint so lächerlich zu sein, wie einer Maschine zu widersprechen.

Jeder weiß zwar, dass jemand das Bild macht, aber die Bedeutung der Maschine scheint mehr Gewicht zu haben. Das glauben Sie nicht? Dann stellen Sie sich mal vor, Ihre Tageszeitung würde sich ab morgen dazu entschließen, statt der Fotos nur noch Zeichnungen zu verwenden. Das Gefühl, in dem Fall nur noch ein subjektives Bild vermittelt zu bekommen, ist das passgenaue Gegenstück zu dem Glauben, mit dem Foto ein objektives Bild zu erhalten - wohlwissend, dass das Unfug ist.

Diesen Trugschluss kann man am Besten vermeiden, indem man jedes Bild über seinen Entstehungsprozess bis zu den ersten Absichten des Fotografen (und seiner Auftraggeber) entschlüsselt. Das ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass der Mensch Herr über den Apparat und seine Erzeugnisse ist und nicht sein machtloser Untertan. Leider ist das für Nicht-Fotografen nicht ganz leicht. Ein Bekannter hat mir erzählt, dass eine bekannte Zeitschrift, die für ihre ausgezeichneten Fotografien bekannt ist, seine Mutter im Altenheim fotografieren wollte, es ging um eine Reportage über das Leben im Altenheim. Zum Fotografieren setzte die Fotografin zunächst die alte Frau nicht in ihr Zimmer, sondern in den Flur, weil dort das Licht besser war - im Bild musste man den Raum für das Zimmer halten. Sie brachte Kleider mit, die farblich besser passten, stellte ein Bild von einem alten Mann daneben, den die Frau noch nie gesehen hatte - im Bild musste man ihn für den verstorbenen Ehemann halten - und ließ sie Blumen gießen. Eine Tätigkeit, die von den Bewohnern des Altenheimes gar nicht ausgeübt wird.

Wussten Sie, dass Fotografen die Wirklichkeit in diesem Maße beeinflussen? Und dabei habe ich noch nicht von den Möglichkeiten gesprochen, die alle unter den verharmlosenden Begriff der "Bildbearbeitung" fallen. Der Unterschied zwischen Fotografie und Malerei ist vollkommen obsolet geworden. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn wir nicht darauf programmiert wären, Fotos so ernst zu nehmen. Sie dienen nicht als verlängertes Auge oder als Gedächtnisstütze, sondern bestimmen unseren Blick.

Grundsätzlich spielt dieses Problem bei Fotos aus dem privaten Bereich eine weniger große Rolle, weil man hier den Entstehungsprozess und alle möglichen Umstände ziemlich gut kennt: Man weiß, was an dem Foto gestellt ist und was nicht, worüber die Person lacht und ob das nun typisch für sie ist oder nicht. Man sieht, ob sie verfremdet dargestellt ist usw... Und doch kann sich auch hier der Wunsch einschleichen, mit der Fotografie Idole zu schaffen, also Menschen nach seinen Wünschen zu formen und das Ergebnis hinterher irgendwie zu glauben. Dann geschieht dasselbe wie mit den journalistischen Fotos, deren Wert wir nicht einschätzen können aber mangels Alternativen ebenfalls glauben.

Sogar durch Naturfotos können Idole geschaffen werden. Wenn ich im Dezember durch die Kalender-Abteilungen der Buchhandlungen gehe, frage ich mich immer: wo gibt es eigentlich diese Natur, die dort offenbar wie am Fließband abgelichtet wird? Das frage ich mich oft sogar bei Landschaftenn, die ich im Original kenne. Natur erscheint auf Fotos heute regelmäßig als Paradies mit unwirklich schönen Farben und hinterlässt den Eindruck einer vollkommenen Landschaft. Wenn Sie wissen möchten, wie diese Naturfotos zustande kommen, gibt es keinen besseren Weg, als selbst Naturfotos zu machen. Sie werden automatisch anfangen, nach den Stellen zu suchen, die Sie für fotografie-würdig halten. Dann wird mit dem entsprechenden Bildausschnitt zur richtigen Tages- und Jahreszeit alles ausgeblendet, was man nicht sehen möchte und abgedrückt.

Das Problem sind nicht die schönen Bilder, die auf diesem Weg entstehen, sondern, dass wir ihnen glauben. Ich bin sicher, dass viele Menschen Fotos mehr glauben, als ihrer eigenen Wahrnehmung. Was käme wohl dabei heraus, wenn ich in einer Gruppe Assoziationen zum Stichwort "Natur" sammeln lassen würde? Vermutlich wären die Antworten nicht selten pathetisch und erhaben. Und nun überlegen Sie, was die gleichen Menschen für Empfindungen hätten, wenn sie in die ihnen am nächsten liegende Natur gehen - in den Stadtwald, an einen Fluss, etc... Wäre diese Natur in der Lage, dem großartigen Bild der Assoziationen zu entsprechen? Bei mir wäre es mit Sicherheit nicht so. Aber unser Bild von der Natur ist durch kitschige Fotos gebildet, die wir glauben.

Dieses Beispiel mag noch relativ harmlos sein, aber der Effekt, den es verdeutlicht, ist es keineswegs und das aus zwei Gründen: erstens betrügt der Mensch sich selbst, zweitens wird er betrogen.

Leider sind viele Fotos ein lebendiges Zeugnis dafür, dass Menschen sich auch selbst betrügen. Ein Beispiel mit der Idol-Bildung in der Portrait-Fotografie habe ich schon genannt. Die Fotografie ermöglicht es, die Vergänglichkeit der Welt anzuhalten und auf ewige ästhetische Reize zu reduzieren. Der Herbst ist nicht mehr ein farbenprächtiger Übergang zum Winter mit allen wechselhaften Empfindungen, die so ein Bruch in uns auslöst, sondern nur noch ein farbenprächtiges Schauspiel. Ein Sonnenuntergang ist nicht mehr der beeindruckende Vorbote der Nacht, sondern ein Beispiel für schöne Farben, die man sich den ganzen Tag im Rahmen ansehen kann, wo die Sonne so lange untergeht, wie man es wünscht. Alles Sterben wird aus der Natur durch Fotos ausgeklammert. Und vielleicht ist das der Grund, weshalb viele Menschen so gerne fotografieren und ihr Hobby als beruhigend empfinden. Die Welt der Fotos ist meistens eine schöne Welt, vielleicht herb-schön, aber nicht ohne Reiz für den Betrachter. Und sie ist vor allem ruhig und beherrschbar.

Der Foto-Journalismus will hingegen gerade nicht ruhig sein. Aber beherrschbar ist er dennoch. So grausam die Bilder zwar sind, die Journalisten Jahr für Jahr in der Welt sammeln, so klar sind sie doch eingebettet in die jeweiligen Programme ihrer Zeitungen. Und anders ist es auch schwer denkbar, weil Fotografen ihr Geld damit verdienen, Zeitungen zu beliefern. Bilder, die dort nicht passen, lassen sich auch nicht verkaufen. Das Geld der Zeitung stammt wiederum von den Lesern, die von ihrer Zeitung stillschweigend nicht nur Berichte über die Probleme sondern auch Lösungen erwarten, durch die das Grauen nicht mehr so bedrohlich erscheint. Letztlich wird daher selbst durch die grausamsten Bilder der Wunsch der Menschen nach Berherrschbarkeit befriedigt. Der größte Unterschied zu den Fotos, die man sich ansieht, weil sie gefallen, besteht vor allem darin, dass zu den Bildern noch ein textverfasster Rahmen kommen muss, durch den das Bild eingeordnet wird. Das Bild wirkt aber als Bestätigung des Textes. Wenn der Text auf die Ratlosigkeit oder Waghalsigkeit einer Person hinweisen möchte, ist es nicht schwer, das passende Bild dazu zu liefern, dass uns Lesern den Beweis für eben diese Behauptung liefert. Und das funktinioniert, obwohl natürlich jeder weiß, wie willkürlich so eine Bildauswahl ist. Aber durch die Kombination aus Glaubwürdigkeit und gestalterischem Spielraum, funktioniert dieses Spiel und macht die Fotografie zum idealen Instrument zur Machtausübung. Wer die Bilder beherrscht, beherrscht auch das Denken der Menschen, unabhängig davon, ob die leitenden Interessen wirtschaftlicher, politischer, karitativer oder sonstiger Natur sind.

Wie soll man dann mit Fotos umgehen? Sich aller Fotos zu enthalten ist nicht nur unmöglich, sondern auch überflüssig. Aber es kann ein Anfang sein, wenn Sie sich Gedanken darüber machen, wieso Ihre Zeitung oder Ihr Kalenderverlag oder Ihr Buchverlag gerade Geld für diese Bilder ausgegeben hat. Was sollen Sie dabei fühlen und denken? Was erwarten Sie selbst von einem Foto, das Sie aufhängen oder in einer Zeitschrift ansehen? Sie können sich auch überlegen, wie man an Fotos kommen könnte, die genau das Gegenteil bewirken. Auf diese Weise übt man sich in dem Denken, dass Fotos menschliche Erzeugnisse sind und schränkt ihre Funktion auf den Rahmen ein, in dem sie einen wirklichen Nutzen bringen können. Das wäre die wichtigste Voraussetzung dafür, dass die Technik der Fotografie zum Diener des Menschen wird und nicht der Mensch Gefahr läuft, zum Knecht der Fotografie zu werden.